Archiv für Juli, 2012

Leistungsschutzrecht V.2

Veröffentlicht: 30. Juli 2012 in deutschland
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Disclaimer: Leider konnte ich nichts auf der Seite des Bundesjustizministeriums finden, sondern bin hier auf die Medien angewiesen. Daher hoffe ich, dass dies hier keine Ente ist, sonst wird der Artikel gelöscht.

EDIT: Anscheinend wirklich keine Ente: Hier ist der Entwurf in Gänze.

Das Justizministerium hat die Proteste bzgl. des neuen Leistungsschutzrechts wahrgenommen und eine entschlackte Version zur Abstimmung herausgebracht. Blogger sind nun ausdrücklich ausgenommen, ebenso soziale Netzwerke und Unternehmen, die auf ihren Webseiten Presseerzeugnisse verlinken, auch wenn sie dies zu werblichen Zwecken tun.

Im Prinzip kann man das Leistungsschutzrecht jetzt wirklich als das bezeichnen, was es in seiner Funktion schon immer sein wollte: ein Anti-Google-Gesetz. Denn es geht nur noch gegen Suchmaschinenbetreiber, und ganz besonders geht es um die Snippets, sprich: die Textauszüge, die bei den Suchanzeigen automatisch angezeigt werden. Bei Filmen nennt man so etwas einen Teaser – ein maximal ca. 1 Minute langes Filmchen, welches Appetit anregen soll auf das Endprodukt. Entsprechend sorgen Snippets dafür, dass beim Leser Interesse am Artikel geweckt wird und dieser die Seite aufruft.

Im Prinzip helfen Snippets also Verlagen dabei, Leser zu sich zu holen, ihre Klickrate und damit die Werbeeinnahmen zu erhöhen, nicht zu vergessen den Bekanntheitsgrad. Aber anscheinend betrachten Verlage diese Snippets eher als etwas parasitäres, etwas, was von ihren Leistungen (man spricht gar nicht erst von den Leistungen der individuellen Autoren/-innen) unrechtmäßigerweise profitiert. Deshalb soll Google bezahlen. Und Yahoo, Bing und all die anderen Suchmaschinenbetreiber natürlich auch.

Dabei lassen sich die Snippets ganz einfach ausschalten. Google bietet hierzu sogar eine Anleitung an. Et voilá: Keine Vorschau mehr bei den Suchergebnissen. Und wenn man generell nicht mehr von Google angezeigt werden möchte, dann geht auch das. Also alles eigentlich kein Problem, oder?

Leider scheint’s etwas komplizierter zu sein. Zwar zwingt niemand die Verlage dazu, Suchmaschinenoptimierung (SEO) zu betreiben, dennoch machen es alle – eben weil es alle machen. Man ist sich also dessen bewusst, dass eine gute Platzierung in den Suchmaschinen gut fürs Geschäft ist. Vielleicht liegt’s ja an diesem Ohnmachtsgefühl gegenüber Google, dass dieses Leistungsschutzrecht zu Stande kam. Ohne Google klappt’s im Internet nicht, und das macht die Verlage wütend. Vor allem, weil Google ganz gut wirtschaftet. Vielleicht ist es Neid, vielleicht ist es wirklich das Gefühl, Google verdiene Geld mit der Arbeit von anderen.

Man kann und sollte darüber diskutieren, wieviel Einfluss Google auf unser alltägliches Leben mittlerweile hat, und ob es noch verhältnismäßig ist. Doch dieses Leistungsschutzrecht ist meiner Meinung nach nicht die richtige Antwort. Es zeigt allenfalls die Hilflosigkeit der Verlage, das Verschließen der Augen davor, dass man es nicht hinkriegt, profitabel online zu arbeiten. Untereinander ist es geradezu erwünscht, wenn Presseerzeugnisse sich gegenseitig zitieren. Der SPIEGEL bringt immer auf der letzten Seite Ausschnitte von anderen Zeitungen, in welchen Textstellen aus der letzten Ausgabe wiedergegeben werden. BILD war 2011 die meistzitierte deutsche Zeitung. Regt sich der Springer-Verlag darüber auf? Droht der Verlag den anderen mit Lizenzgebühren? Mitnichten. Es wird als Auszeichnung wahrgenommen, als Gradmesser der eigenen Wichtigkeit in der deutschen Medienlandschaft. Aber wenn Google das macht, hört der Spaß auf.

Es bleibt abzuwarten, ob der Bundestag den Entwurf in der jetzigen Form annimmt oder es noch weiter verändert wird. Im Moment ist noch Sommerpause

Ground Zero depolitisiert

Veröffentlicht: 16. Juli 2012 in international
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Dies ist nur eine kleine Meldung, keine Schlagzeile, dennoch finde ich sie bemerkenswert. Im September jährt sich der Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon (dieses wird irgendwie immer vergessen) zum 11. Mal. Anders als bei den letzten Gedächtniszeremonien sind dieses Mal Politiker jeglicher Couleur als Sprecher bei der Veranstaltung am Ground Zero ausgeschlossen. Bislang hatten immer Rudy Giuliani und George Pataki Reden gehalten, zum Zeitpunkt des Attentats Bürgermeister, respektive Gouverneur von New York. Weitere politische Redner waren immer Giulianis Amtsnachfolger, Michael Bloomberg, sowie die jeweiligen Gouverneure von New York und New Jersey (derzeit Andrew Cuomo und Chris Christie).

Der Grund für den Ausschluss ist der Wunsch des National September 11 Memorial, den Fokus der Gedenkfeier auf die Opfer zu richten und frei von Poliik zu halten. So sagte es CEO Joe Daniels gegenüber der Presse. Dies ist der vorläufige Höhepunkt einer wachsenden Unzufriedenheit der Angehörigen der Opfer mit dem Vorgehen der Politiker, die am Bau der Gedenkstätte beteiligt sind. Der Bauprozess hat sich wegen politischer Streitereien verlangsamt, die Kosten sind in die Höhe geschellt, und zu allem Überfluss wollte Bloomberg dieses Jahr zum ersten Mal auf das Verlesen der Namen der Opfer verzichten, denn schließlich gibt’s jetzt eine Gedenktafel. Einige Familien haben offen ihre Besorgnis bekundet, dass Ground Zero zu stark politisiert wird.

Okay, soviel zu den Fakten. Warum finde ich das bemerkenswert? Was ich im Folgenden schreibe, sind größtenteils reine Vermutungen meinerseits, also bitte nicht als Fakten behandeln, sondern als persönliche Meinung. 9/11 hat die Vereinigten Staaten von Amerika in ihren Grundfesten erschüttert: Ein terroristischer Angriff im eigenen Land war, auch wenn der letzte „nur“ sechs Jahre zurücklag, etwas Unwahrscheinliches, etwas, das es einfach nicht geben kann. Das Land veränderte sich schlagartig.

Auf Grund von 9/11 wurden zwei Kriege begonnen, von denen einer immer noch geführt wird.

Auf Grund von 9/11 haben sich die Sicherheitsbedingungen an Flughäfen verschärft, und das nicht nur in den USA.

Auf Grund von 9/11 hat eine Superspezialeinheit des US-Militärs in einer Nacht- und Nebelaktion Osama bin Laden in seinem Versteck aufgespürt und getötet.

Auf Grund von 9/11 halten die USA ein Internierungslager auf Guantánamo Bay, wo Menschenrechte nicht existieren.

Auf Grund von 9/11 werden Muslime unter Generalverdacht gestellt und müssen immer wieder ihre Unschuld unter Beweis stellen.

Auf Grund von 9/11 muss die US-Bevölkerung immer wieder und immer neu zusehen, wie ihre Rechte und Freiheiten im Namen der Sicherheit beschnitten werden.

Auf Grund von 9/11 hat Patriotismus in den USA eine radikale Verschärfung durchgemacht, wie zuletzt in der Blütezeit des Kalten Krieges unter McCarthy. In Zeiten der Krise scharren sich alle um ihre Regierung und hoffen auf Führung. Wehe dem, der es wagt, in solch einer Zeit eben jene Führung zu kritisieren, denn dies wird gleichgestellt mit Landesverrat. Gerade in der Politik wurden Gegner mit diesem Vorwurf gerne mundtot gemacht. Wer nicht für den Patriot Act, den Krieg in Afghanistan, den Krieg in Irak, oder die Behandlung von Gefangenen unter gänzlicher Missachtung der Genfer Menschenrechtskonventionen war, der war automatisch auf der Seite von al-Qaida und damit ein Verräter. Das politische Klima hat sich davon noch nicht richtig erholt.

9/11 wurde nicht nur dazu benutzt, um Opposition im Keim zu ersticken, sondern auch, um sich selbst zu profilieren. Rudy Giuliani spricht das Thema derart häufig an, dass Vizepräsident Joe Biden einmal anmerkte, er verwende in einem typischen Satz lediglich „a noun and a verb and 9/11„.

Politisiert wurde der Anschlag von Anfang an. Einen Tiefpunkt dieser Einstellung erlebten im Dezember 2010 die Ersthelfer, die damals am Ground Zero u.a. Staub und Giftstoffe einatmeten und heute zum großen Teil chronisch krank und bisweilen sogar berufsunfähig sind. Vor knapp anderthalb Jahren wartete ein Gesetz, welches diesen Polizisten, Sanitätern und Feuerwehrleuten Gesundheitsleistungen zusprechen sollte, im US-Kongress auf seine Verabschiedung. Doch die republikanische Mehrheit blockierte es, solange die Regierung nicht die Weiterführung der sogenannten Bush Tax Cuts erlaubte. Mehrere Gesetze wurden ebenfalls in Geiselhaft genommen, z.B. die Rücknahme von Don’t Ask, Don’t Tell oder eine Reform in der Immigrationspolitik (Dream Act), solange nicht sichergestellt war, dass die vermögendsten Amerikaner auch weiterhin weniger Steuern zahlen mussten. Zu den Blockierern gehörten zynischerweise auch Abgeordnete, die zuvor sehr gerne auf die besonderen Leistungen der Ersthelfer verwiesen haben. Der amerikanische Comedian Jon Stewart rief daraufhin das Ende der innigen Beziehung zwischen der Republikanischen Partei und 9/11 aus.

Dieses Jahr gibt es also erstmals keine politischen Redner am Ground Zero. Noch dazu in einem Präsidentschaftswahljahr, in welchem sich vielleicht beide Kandidaten sehr gerne vor der tragischen Kulisse als politische Leitfigur der nächsten vier Jahre profiliert hätten. Tja.